Jedermann — Hugo von Hofmannsthal
You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org . If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook. Title : Jedermann: Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes Author : Hugo von Hofmannsthal Release date : May 24, 2009 [eBook #28949] Most recently updated: January 5, 2021 Language : German Other information and formats : www.gutenberg.org/ebooks/28949 Credits : Produced by Jana Srna, mcbax and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was produced from images generously made available by Bielefeld University.) *** START OF Lediglich einige offensichtliche Fehler wurden korrigiert. Sämtliche vorgenommenen Änderungen sind markiert, der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus. Zusätzlich befindet sich am Ende des Textes eine Liste aller Änderungen. JEDERMANN DAS SPIEL VOM STERBEN DES REICHEN MANNES ERNEUERT VON HUGO von HOFMANNSTHAL S. FISCHER, VERLAG, BERLIN 1911 Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript. Das Recht der Aufführung ist nur von S. Fischer, Verlag, Berlin W., Bülowstr. 90 zu erwerben. Copyright 1911 S. Fischer, Verlag, Berlin. DRAMATIS PERSONAE: GOTT DER HERR ERZENGEL MICHAEL TOD TEUFEL JEDERMANN JEDERMANNS MUTTER JEDERMANNS GUTER GESELL DER HAUSVOGT DER KOCH EIN ARMER NACHBAR EIN SCHULDKNECHT DES SCHULDKNECHTS WEIB BUHLSCHAFT DICKER VETTER DÜNNER VETTER ETLICHE JUNGE FRÄULEIN ETLICHE VON JEDERMANNS TISCHGESELLEN BÜTTEL KNECHTE SPIELLEUTE BUBEN MAMMON WERKE GLAUBE MÖNCH ENGEL SPIELANSAGER tritt vor und sagt das Spiel an. Jetzt habet allsamt Achtung Leut Und hört was wir vorstellen heut! Ist als ein geistlich Spiel bewandt Vorladung Jedermanns ist es zubenannt. Darin Euch wird gewiesen werden, Wie unsere Tag und Werk auf Erden Vergänglich sind und hinfällig gar. Der Hergang ist recht schön und klar, Der Stoff ist kostbar von dem Spiel Dahinter aber liegt noch viel Das müßt Ihr zu Gemüt führen Und aus dem Inhalt die Lehr ausspüren. GOTT DER HERR ( wird sichtbar auf seinem Thron und spricht ): Fürwahr mag länger das nit ertragen, Daß alle Kreatur gegen mich Ihr Herz verhärtet böslich, Daß sie ohn einige Furcht vor mir Schmählicher hinleben als das Getier. Des geistlichen Auges sind sie erblindt In Sünd ersoffen, das ist was sie sind, Und kennen mich nit für ihren Gott, Ihr Trachten geht auf irdisch Gut allein Und was darüber, das ist ihr Spott, Und wie ich sie mir anschau zur Stund So han sie rein vergessen den Bund Den ich mit ihnen aufgericht hab Da ich am Holz mein Blut hingab. Auf daß sie sollten das Leben erlangen Bin ich am Marterholz gehangen. Hab ihnen die Dörn aus dem Fuß getan Und auf meinem Haupt sie getragen als Kron. So viel ich vermocht, hab ich vollbracht Und nun wird meiner schlecht geacht. Darum will ich in rechter Eil Gerichtstag halten über sie Und Jedermann richten nach seinem Teil. Wo bist du, Tod, mein starker Bot? Tritt vor mich hin. TOD: Allmächtiger Gott, hier sieh mich stehn, Nach deinem Befehl werd ich botengehn. GOTT: Geh du zu Jedermann und zeig in meinem Namen ihm an Er muß eine Pilgerschaft antreten Mit dieser Stund und heutigem Tag Der er sich nicht entziehen mag. Und heiß ihn mitbringen sein Rechenbuch Und daß er nicht Aufschub, noch Zögerung such. TOD: Herr, ich will die ganze Welt abrennen Und sie heimsuchen Groß und Klein, Die Gotts Gesetze nit erkennen Und unter das Vieh gefallen sein. Der sein Herz hat auf irdisch Gut geworfen, Den will ich mit einem Streich treffen, Daß seine Augen brechen Und er nit findt die Himmelspforten Es sei denn, daß Almosen und Mildtätigkeit Befreundt ihm wären und hilfsbereit. JEDERMANN ( tritt aus seinem Haus hervor, ein Knecht hinter ihm. ) JEDERMANN: Spring du um meinen Hausvogt schnell, Muß ihm aufgeben einen Befehl. ( Der Knecht geht hinein. ) Mein Haus hat ein gut Ansehn, das ist wahr, Steht stattlich da, vornehm und reich, Kommt in der Stadt kein andres gleich. Hab drin köstlichen Hausrat die Meng, Viele Truhen, viele Spind, Dazu ein großes Hausgesind, Einen schönen Schatz von gutem Geld Und vor den Toren manch Stück Feld, Auch Landsitz, Meierhöf voll Vieh, Von denen ich Zins und Renten zieh, Daß ich mir wahrlich machen mag, So heut wie morgen fröhliche Tag. ( Hausvogt tritt auf. ) JEDERMANN: Vogt, bring einen Säckel Geldes straff, Den hab ich vergessen in Gürtel zu tun, Und merk, was ich dir noch anschaff: Für morgen wird ein Frühmahl gericht, Das muß bereit’t sein aufs allerbest Kommen Verwandte und fremde Gäst. Der Tisch muß prächtig sein bestellt, Schick her den Koch, du geh ums Geld. ( Vogt geht hinein, Koch tritt sogleich auf. ) JEDERMANN: Ein köstlich Frühmahl befehl ich an Für morgen. KOCH: Ja, und soll ich dann Einen jeden Gang bereiten frisch? JEDERMANN: Daß dich das Fieber rüttel, frisch! Kein Überbleibsel auf meinen Tisch. KOCH: Es wär von gestern geblieben die Meng Zumindest für zwei kalte Gäng. JEDERMANN: Du Esels-Koch bist so vermessen, Soll ich eine Bettlermahlzeit essen? ( Der Koch geht ab. Der Vogt ist herausgekommen mit einem Beutel. Jedermann nimmt den Beutel. ) JEDERMANN: Acht du auf meine Mägd und Knecht, Gefallen mir allermaßen nit recht. ( Der arme Nachbar wird in der Ferne sichtbar, nähert sich ängstlich. Jedermanns Geselle kommt zugleich raschen Schrittes die Straße hergegangen. ) JEDERMANN ( zum Hausvogt ): Dafür stehst du an der obersten Stell, Daß du auf sie – da kommt mein Gesell. ( Hausvogt geht ins Haus. ) Hätt beinah müssen auf dich warten, Wir wollen jetzt vors Stadttor gehen Und uns dort das Grundstück ansehen, Obs tauglich ist für einen Lustgarten. GESELL: Hast Fortunati Säckel in der Hand, Dann ist die Sach schon recht bewandt. Ja, bei dir gilts: gewünscht ist schon getan, Du hasts danach, drum steht dirs an. ARMER NACHBAR: Das ist des reichen Jedermann Haus. Oh, Herr, dich bitt ich überaus Wollest dich hilfreich