Imaginary Bridges: Studies and Essays — Jakob Wassermann
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Title : Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze Author : Jakob Wassermann Release date : November 5, 2005 [eBook #17007] Most recently updated: December 12, 2020 Language : German Other information and formats : www.gutenberg.org/ebooks/17007 Credits : Produced by Markus Brenner and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net *** START OF -G., München Druck von Dietsch & Brückner, Weimar Herbst 1921 Inhaltsverzeichnis Seite Was ist Besitz? 5 Faustina 29 Der Literat 85 Der Literat als Dilettant 87 Der Literat als Psycholog 95 Der Literat als Tribun 111 Der Literat als Schöngeist 124 Der Literat als Apostel 131 Die Frau als Literat 140 Ergebnisse 145 Die Kunst der Erzählung 151 Was ist Besitz? Geschrieben 1919 Die Zeit erschüttert die Begriffe und wühlt den Boden auf, dem sie entwachsen sind. Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor allem darum zu handeln scheint, den Wert, das Ausmaß und die Rechtsgrundlagen von dem, was bisher Eigentum hieß, zu revidieren und umzuformen. Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher mit unwiderlegbaren Argumenten verteidigen konnte, ja der geradezu ein Gesellschaftsgesetz war, wird ihm plötzlich streitig gemacht mit Gründen, denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck verliehen wird durch Drohung von Gewalt. Gewalt ist nicht zu widerlegen. So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private Existenz gegriffen, daß der Bürger, das Mitglied einer Gemeinschaft, die nur zum Schutz ihrer selbst besteht, von einem andern Teil dieser Gemeinschaft in seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten Lebensbedingungen entrechtet werden soll, und daß ihm zugemutet wird, die anscheinende Willkür und Unbill nicht bloß geduldig zu ertragen, sondern auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere Ordnung darin zu erblicken. Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen die alte wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen; dazu fehlt mir die Befugnis und die Kompetenz. Es soll auch nicht von Schlagworten des Tages die Rede sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus; sie haben die Köpfe genug verwirrt, die Leidenschaften genug erregt. Ich möchte das Wesen des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach verschiedenen Seiten, auf das innere und auf das äußere Leben, das soziale und das individuelle, seine Legitimität und seine Schädlichkeit, seine Fruchtbarkeit und seine Unnatur. I Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erfüllt gegen den, der Überfluß hat. Es gibt Verstoßene, die durch keine Anstrengung dahin gelangen können, wo die Lieblinge des Glückes sich am ersten Tage befinden. So entsteht in Hunderttausenden, Millionen Gemütern Bitterkeit, Haß, Neid und Auflehnung. Für den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der andere hat, schon Überfluß. Wer nur ein einziges Hemd besitzt, für den ist der Besitzer von zwei Hemden ein mit Glücksgütern Gesegneter. Wer sich nicht sattessen kann, für den ist der sorgenvollste Satte ein Krösus. Wer kein Bett sein eigen nennt, in dem er schlafen kann, für den ist der auf dem Strohsack Ruhende beneidenswert. Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich viele Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen des Besitzes hat. Zwischen dem in einer Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen Nabob in der ersten Kajüte mit Bade- und Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf der alle Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen, alle Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle ausdenkbaren Schicksale der modernen Welt spielen. Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf trennende Linie. Sie scheidet diejenigen, die ihre Lebensnotdurft nicht stillen können, von denen, die in der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse eine selbstverständliche Voraussetzung erblicken. An dieser Linie teilt sich die moderne Welt in zwei Lager. An ihr wütet der soziale Kampf in seiner ganzen Furchtbarkeit. Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht, ein Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes Gefüge ist, so muß man sich fragen, weshalb das eine Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner Bedrückung, seinem Leiden die bevorzugte Situation des andern so lange erduldet hat, ohne einen nachhaltigen, allgemeinen, gewaltsamen Eingriff vorzunehmen. Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter der Ungerechtigkeit an sich trägt, mußte doch umsomehr zum Umsturz herausfordern, als die zahlen mäßige Übermacht zu allen Zeiten auf Seite der Entrechteten lag. Waren sie nicht genug durchdrungen von ihrem Recht, dem Recht auf Brot und Wärme, auf Luft und Licht? Hat man ihnen Schaustellungen des Prunkes erspart? Wußten sie nicht, was erreichbar war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem Übermut und ihrer Härte? Warum also die Geduld? Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt auf Seite der Reichen war; sie konnten die Gewalt bezahlen, und unter denen, die bezahlt wurden, befanden sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre Brüder verrieten, eben weil sie bezahlt wurden. Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes, raffiniertes und uraltes System von Einschüchterung, Betäubung und Verdummung die Masse der Unterdrückten in Bann gehalten hat, und weil zudem die Sorge für den Tag, die dringende Notwendigkeit, Obdach, Nahrung und Kleidung zu beschaffen, den größten Teil der verfügbaren Kräfte absorbierte. Es ist ein Stück der Wahrheit, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es ist die äußerliche Wahrheit, aber nicht die innere. Nehmen wir an, es fände heute eine vollkommen gerechte und gleichmäßige Verteilung aller vorhandenen Güter statt, beweglichen und unbeweglichen; jedem wäre so die Unabhäng