Stages: A Development in Aphorisms and Diary Notes — Christian Morgenstern
Stufen - Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org . If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook. Title : Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen Author : Christian Morgenstern Release date : May 25, 2005 [eBook #15898] Most recently updated: December 14, 2020 Language : German Other information and formats : www.gutenberg.org/ebooks/15898 Credits : Produced by Juliet Sutherland, Hagen von Eitzen and the Online Distributed Proofreading Team *** START OF Stil: Weltliche Periode (Nietzsche) beendet durch innere Krankheit. Schale: Öffnung durch Johanneisches. Blut: Erfüllung. ‚Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt.‘ 9 Autobiographische Notiz 1913 Ich wurde am 6. Mai 1871 als einziges Kind des Landschaftsmalers Carl Ernst Morgenstern (Sohnes des Landschaftsmalers Christian Morgenstern) und seiner Ehefrau Charlotte Schertel (Tochter des Landschaftsmalers Josef Schertel) in München geboren und erlebte in unserm gegen Nymphenburg zu gelegenen — aller Kunst und heiteren Geselligkeit geöffneten — Hause mit parkartigem Garten glückliche, eindrucksreiche Kindheitsjahre. Meine Eltern reisten viel, zuerst aus Lebenslust, dann aus Rücksicht auf ein beginnendes Lungenleiden meiner Mutter, und nahmen mich schon von meinem dritten oder vierten Jahre an überallhin mit. Besonders ist mir eine lange Reise durch Tirol, die Schweiz und das Elsaß in Erinnerung, die im wesentlichen in einer von zwei unermüdlichen Juckern gezogenen Kutsche zurückgelegt wurde. Dazwischen und später waren es dann die (damals noch ländlichen) bayerischen Seedörfer Kochel, Murnau, Seefeld, Herrsching, Weßling und noch später schlesische Dörfer am Zobten und im Vorland des Riesengebirges, die dem sehr viel einsamen und stillfrohen Knaben unvergeltbar Liebes erwiesen. Solch freundliches Los ward ihm zumal durch die Lebensführung des Vaters, der als freier Landschafter sowohl, wie dann, als er an die Breslauer Kunstschule berufen worden war, Sommer um Sommer ins Land hinauszog; wozu noch kam, daß er ihn, als eifriger Jäger, bisweilen in seinen Jagdgebieten und Jagdquartieren mit sich hatte. Diese Jahre waren grundlegend für ein Verhältnis zur Natur, das ihm später die Möglichkeit gab, zeitweise völlig in ihr aufzugehen. 10 Sie waren aber auch nötig, denn bald nach seinem zehnten Jahre, in dem er die Mutter verlor, begann der Ansturm feindlicher Gewalten von außen wie von innen. Was sich bisher, gehegt und verwöhnt, daheim und im Freien so durchgespielt hatte — mein Spielen bildet für mich ein eigenes sonniges Kapitel — zeigte sich dem äußeren Leben, wie es vor allem in der Schule herantrat, weniger gewachsen. Es war, als wäre das Leidenserbe der Mutter, das doch erst zwölf Jahre darauf zu wirklichem Kranksein führte, schon damals übernommen worden; denn wenn auch mancher frische Aufschwung immer wieder weiter trieb, so setzten doch mehr und mehr jene dumpfen Hemmungen ein, die ihn wohl nicht hätten so zu Jahren kommen lassen, wenn nicht irgend etwas in ihm ebenso zähe für ihn gestritten und ihn über das Schlimmste immer wieder von neuem hinweggebracht hätte. Vielleicht war es dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn auf dem physischen Plan verlassen hatte, geistig fortan sein Leben begleitete und, was sie ihm leiblich gleichsam nicht hatte geben können, ihm nun aus geistigen Welten heraus mit einer Treue schenkte, die nicht ruhte, bis sie ihn nicht nur hoch ins Leben hinein, sondern zugleich auf Höhen des Lebens hinauf den Weg hatte finden sehen, auf denen der Tod seinen Stachel verloren und die Welt ihren göttlichen Sinn wiedergewonnen hat. Sie mag ihm auch den Jugend- und Lebensfreund zugeführt haben, Friedrich Kayßler , dem die Sammlung ‚Auf vielen Wegen‘ (und wieviel anderes!) mit dem Danke gehört: ‚Wär der Begriff des Echten verloren / In Dir wär er wiedergeboren‘. 11 In meinem 16. Jahre etwa wurde mir das erste Glück philosophischer Gespräche. Schopenhauer, vor allem, auch schon die Lehre von der Wiederverkörperung traten in mein Leben ein. Es folgte, Anfang der Zwanziger, Nietzsche, dessen suchende Seele mein eigentlicher Bildner und die leidenschaftliche Liebe langer Jahre wurde. Die Aufgabe, Ibsens Verswerke zu übertragen, führte mich 1898 nach Norwegen. Ich lernte Henrik Ibsens teure Person kennen und durfte in den Übersetzungen von ‚Brand‘ und ‚Peer Gynt‘ mich innerlichst mit ihm verbinden. Das Jahr 1901 sah mich über den ‚Deutschen Schriften‘ Paul de Lagardes. Er erschien mir — Wagner war mir damals durch Nietzsche entfremdet — als der zweite maßgebende Deutsche der letzten Jahrzehnte, wozu denn auch stimmen mochte, daß sein gesamtes Volk seinen Weg ohne ihn gegangen war. Noch sechs Jahre darauf schrieb ich in mein Taschenbuch: Zu Niblum will ich begraben sein, am Saum zwischen Marsch und Geest … Zu Niblum will ich mich rasten aus von aller Gegenwart. Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus nur den Namen und: ‚Lest Lagarde!‘ Ja, nur die zwei Dinge klein und groß: Diese Bitte und dann meinen Namen bloß. Nur den Namen und: ‚Lest Lagarde!‘ Das Inselchen Mutterland dorten, nein, das will ich nicht verschmähn. 12 Holt mich doch dort bald die Nordsee heim mit steilen, stürzenden Seen — das Muttermeer, die Mutterflut … o wie sich gut dann da drunten ruht, tief fern von deutschem Geschehn! Inzwischen war dem Fünfunddreißigjährigen Entscheidendes geworden. Natur und Mensch hatten sich ihm endgültig vergeistigt. Und als er eines Abends wieder einmal das Evangelium nach Johannes aufschlug, glaubte er es zum ersten Male wirklich zu verstehen. Die nächsten Jahre — des Austragens, Ausreifens, zu Ende Denkens — überstand er so, wie er sie überstand, eigentlich nur, weil ihm Gesundheit und Mittel fehlten, sich irgendwohin zurückzuziehen, wo er in völliger Unbeka