エミーリア・ガロッティ — Gotthold Ephraim Lessing
Titelseite Emilia Galotti Über Emilia Galotti Über Emilia Galotti Gotthold Ephraim Lessing Christian Friedrich Voß, Berlin, 1772 Exportiert aus Wikisource am 9. Mai 2026 Emilia Galotti gilt als eines der wichtigsten bürgerlichen Trauerspiele. Es verlagert ein antikes Motiv – Die Legende von der Römerin Verginia , die von ihrem Vater aus Schutz vor einem Adligen getötet wird, so erzählt von Titus Livius in seiner Chronik Ab urbe condita – in Lessings Gegenwart der Aufklärung. Das Stück wurde am 13. März 1772 in Braunschweig uraufgeführt und zur Ostermesse 1772 bei Voß in Berlin als Teil der Trauerspiele gedruckt. Eine Reinschrift Lessings wird in der Staatsbibliothek in Berlin aufbewahrt. Als Grundlage dienen die Wikisource:Editionsrichtlinien . Redner sind fett gesetzt; Regieanweisungen in kursiv Text Emilia Galotti. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen . Von Gotthold Ephraim Lessing. Berlin bey Christian Friedrich Voß, 1772. Personen. Emilia Galotti. Odoardo und Claudia Galotti. Aeltern der Emilia. Hettore Gonzaga. Prinz von Guastalla. Marinelli. Kammerherr des Prinzen. Camillo Rota. Einer von des Prinzen Räthen. Conti. Maler. Graf Appiani. Gräfinn Orsina. Angelo, und einige Bediente. Erster Aufzug. (Die Scene, ein Kabinett des Prinzen.) Erster Auftritt. Der Prinz, an einem Arbeitstische, voller Briefschaften und Papiere, deren einige er durchläuft. Klagen, nichts als Klagen! Bittschriften, nichts als Bittschriften! – Die traurigen Geschäffte; und man beneidet uns noch! – Das glaub’ ich; wenn wir allen helfen könnten: dann wären wir zu beneiden. – Emilia? (indem er noch eine von den Bittschriften aufschlägt, und nach dem unterschriebenen Namen sieht.) Eine Emilia? – Aber eine Emilia Bruneschi – nicht Gallotti. Nicht Emilia Galotti! – Was will sie, diese Emilia Bruneschi? (er lieset) Viel gefodert; sehr viel. – Doch sie heist Emilia. Gewährt! (er unterschreibt und klingelt; worauf ein Kammerdiner hereintritt.) Es ist wol noch keiner von den Räthen in dem Vorzimmer? Der Kammerdiener. Nein. Der Prinz. Ich habe zu früh Tag gemacht. – Der Morgen ist so schön. Ich will ausfahren. Marchese Marinelli soll mich begleiten. Laßt ihn rufen. (der Kammerdiener geht ab) – Ich kann doch nicht mehr arbeiten. – Ich war so ruhig, bild’ ich mir ein, so ruhig – Auf einmal muß eine arme Bruneschi, Emilia heißen: – weg ist meine Ruhe, und alles! – Der Kammerd. (welcher wieder herein tritt.) Nach dem Marchese ist geschickt. Und hier, ein Brief von der Gräfinn Orsina. Der Prinz. Der Orsina? Legt ihn hin. Der Kammerd. Ihr Läufer wartet. Der Prinz. Ich will die Antwort senden; wenn es einer bedarf. – Wo ist sie? In der Stadt? oder auf ihrer Villa? Der Kammerd. Sie ist gestern in die Stadt gekommen. Der Prinz. Desto schlimmer – besser, wollt’ ich sagen. So braucht der Läufer um so weniger zu warten. (der Kammerdiener geht ab) Meine theure Gräfinn! (bitter, indem er den Brief in die Hand nimmt) So gut, als gelesen! (und ihn wieder wegwirft.) – Nun ja; ich habe sie zu lieben geglaubt! Was glaubt man nicht alles? Kann seyn, ich habe sie auch wirklich geliebt. Aber – ich habe! Der Kammerd. (Der nochmals herein tritt) Der Maler Conti will die Gnade haben – – Der Prinz. Conti? Recht wohl; laßt ihn herein kommen. – Das wird mir andere Gedanken in den Kopf bringen. (steht auf.) Zweyter Auftritt. Conti. Der Prinz. Der Prinz. Guten Morgen, Conti. Wie leben Sie? Was macht die Kunst? Conti. Prinz, die Kunst geht nach Brodt. Der Prinz. Das muß sie nicht; das soll sie nicht, – in meinem kleinen Gebiethe gewiß nicht. – Aber der Künstler muß auch arbeiten wollen. Conti. Arbeiten? Das ist seine Lust. Nur zu viel arbeiten müssen, kan ihn um den Namen Künstler bringen. Der Prinz. Ich meyne nicht vieles; sondern viel: ein Weniges; aber mit Fleiß. – Sie kommen doch nicht leer, Conti? Conti. Ich bringe das Porträtt, welches Sie mir befohlen haben, gnädiger Herr. Und bringe noch eines, welches Sie mir nicht befohlen [ 1 ] : aber weil es gesehen zu werden verdient – Der Prinz. Jenes ist? – Kann ich mich doch kaum erinnern – Conti. Die Gräfinn Orsina. Der Prinz. Wahr! – Der Auftrag ist nur ein wenig von lange her. Conti. Unsere schönen Damen sind nicht alle Tage zum malen. Die Gräfinn hat, seit drey Monathen, gerade Einmal sich entschließen können, zu sitzen. Der Prinz. Wo sind die Stücke? Conti. In dem Vorzimmer, ich hole sie. Dritter Auftritt. Der Prinz. Ihr Bild! – mag! – Ihr Bild, ist sie doch nicht selber. – Und vielleicht find’ ich in dem Bilde wieder, was ich in der Person nicht mehr erblicke. – Ich will es aber nicht wiederfinden. – Der beschwerliche Maler! Ich glaube gar, sie hat ihn bestochen. – Wär’ es auch! Wenn ihr ein anderes Bild, das mit andern Farben, auf einen andern Grund gemalet ist, – in meinem Herzen wieder Platz machen will: – Warlich, ich glaube, ich wär’ es zufrieden. Als ich dort liebte, war ich immer so leicht, so fröhlich, so ausgelassen – Nun bin ich von allem das Gegentheil. – Doch nein; nein, nein! Behäglicher, oder nicht behäglicher: ich bin so besser. Vierter Auftritt. Der Prinz. Conti , mit den Gemälden, wovon er das eine verwandt gegen einen Stuhl lehnet. Conti. (indem er das andere zurecht stellet.) Ich bitte, Prinz, daß Sie die Gränzen unserer Kunst erwägen wollen. Vieles von dem Anzüglichsten der Schönheit, liegt ganz außer den Gränzen derselben. – Treten Sie so! – Der Prinz. (nach einer kurzen Betrachtung.) Vortrefflich, Conti; – ganz vortrefflich! – Das gilt Ihrer Kunst, Ihrem Pinsel. – Aber geschmeichelt, Conti; ganz unendlich geschmeichelt! Conti. Das Original schien dieser Meynung nicht zu seyn. Auch ist es in der That nicht mehr geschmeichelt, als die Kunst schmeicheln muß. Die Kunst muß malen, wie sich die plastische Natur, – wenn es eine giebt – das Bild dachte: ohne den Abfall, welchen der widerstrebende Stoff unvermeidlich macht; ohne das Verderb, mit welchem die Zeit dagegen an kämpfet. Der Prinz. Der denkende Künstler ist noch eins so viel werth. – Aber das Original, sagen Sie, fand dem ungeac